Börsen-Zeitung 11.11.09
Inflation gravierendes Problem kommender Jahre
gapa news: Herr Faber, Sie beschäftigen sich aktuell mit einigen gravierenden wirtschaftlichen Problemen unserer Zeit: dem Verschwinden freier Märkte, der Dollarschwäche, der massiven Geldschöpfung der Notenbanken. Mit Blick auf 2010, was ist Ihre größte Sorge für die Weltwirtschaft?
Marc Faber: Grundsätzlich sind die Probleme gar nicht gelöst worden, sondern eigentlich nur aufgeschoben. Die Probleme, die wir jetzt sehen, wurden weitgehend von jenen Politikern geschaffen, die heute noch die Wirtschaft steuern, zum Beispiel den Herren Ben Bernanke, Larry Summers und Timothy Geithner in den Vereinigten Staaten. Die haben ja weitgehend zur Krise beigetragen. Und jetzt vertraut
man ihnen an, die Wirtschaft zu beleben. Sie hatten den Problemkreis gar nicht erkannt - nämlich dass es zwischen 2000 und 2007 zu einem immensen Kreditwachstum gekommen ist, das dann die Finanzkrise verursachte. Dass sie das damals nicht erkannt haben und dass sie jetzt das Kreditwachstum nochmals beschleunigen wollen, das ist das große Problem.
gapa news: Der Einfluss des Staates nimmt in der Krise in praktisch allen führenden Volkswirtschaften deutlich zu. Regierungen sind aber im Hinblick auf die Investitionstätigkeit nicht so effizient wie der private Sektor. Was bedeutet das langfristig?
Marc Faber: Wir haben eigentlich zwei Probleme mit dem Staat. Einmal, insbesondere in den USA, wächst die Staatsschuld gewaltig an. Im laufenden Jahr wird die gesamte Staatsschuld um rund 2 Bill. Dollar zunehmen. Und nächstes Jahr spricht man bereits von einem zweiten Konjunkturpaket, um die Wirtschaft zu beleben, sodass ich annehme, das Haushaltsdefizit 2010 wird noch einmal so groß sein wie das aktuelle. In nicht allzu ferner Zukunft wird der Staat einen größeren Teil der Steuereinnahmen auf Zinszahlungen verwenden müssen. Und wenn dann die Zinsen steigen, wird diese Zinslast viel zu hoch sein. Meiner Ansicht nach werden die USA in fünf bis sieben Jahren rund die Hälfte der Steuereinnahmen brauchen, um Zinsen auf die Staatsschuld zu bezahlen. Und das wird dann die Notenbank veranlassen, gewaltig mehr Geld zu drucken. Dies wird dann eines Tages zu einer relativ hohen Inflationsrate führen.
- Die laufende Krise ist über zwei Jahre alt. Wie weit sind Regierungen, Parlamentarier und Regulierer mit den Aufräum- und Reformarbeiten gekommen, um die Gefahr einer Wiederholung zu verringern? Es wurden keine Reformen vorgenommen. Und das Problem ist, dass die großen Unternehmen, die pleitegingen - in den Vereinigten Staaten Fannie Mae und Freddie Mac - schon vorher halbe Staatsunternehmen waren. Jetzt hat man noch weitere Pleiteunternehmen wie AIG gestützt. Man nimmt lediglich die faulen Kredite aus dem Privatsektor heraus und verschiebt sie auf den Staat, also auf den Steuerzahler. Das kann keine erfreuliche Lösung sein. Denn es bedeutet schlicht, dass der Steuerzahler dafür aufkommen muss, was die Elite an der Wall Street vermasselt hat. Man sollte eigentlich die Wall Street für das bestrafen und nicht belohnen, was jetzt passiert ist. Die Banken bezahlen immer noch große Boni an ihre Angestellten aus, während der einfache Bürger, der Mittelstand, der Arbeiter, leidet. Wir haben sehr hohe Arbeitslosigkeit in den USA. Aber der Wall Street geht es blendend.
- Das verstehen viele nicht, dass es der realen Wirtschaft weiterhin schlecht geht, während an der Wall Street wieder die Sektkorken knallen . . . Das Gelddrucken und die Kreditexpansion führen natürlich zu einer Inflation. Es muss ja keine Konsumenteninflation sein. Aber wir sehen eine schwache Währung. Ich kenne kein Land, das eine starke Währung hat und zudem hohe Inflationsraten. Das gedruckte Geld muss ja irgendwo hingehen, zum Beispiel in Rohstoffe oder in andere Währungen. Oder es kann in andere Aktien gehen und die Preise in die Höhe schnellen lassen. Und genau das ist seit März passiert.
- Sie sagen dem Dollar eine miserable Zukunft voraus. Rund um den Globus, zum Beispiel in China, lässt das Vertrauen in den Greenback nach. Wie weit sind wir von einem Punkt entfernt, an dem der Dollar seine Rolle als Weltleitwährung einbüßt? Der Dollar hat schon sehr viel an Wert verloren in Bezug auf seine Kaufkraft in den letzten 100 Jahren. Und seit Februar dieses Jahres ist er wieder sehr schwach. Aber ich muss schon sagen, dass die anderen Währungen auch nicht wesentlich besser dastehen als der Dollar. Man müsste also eine andere Währung einführen, eine ehrliche Währung. Gegenüber einer solchen Währung, zum Beispiel dem Goldpreis, hat der Dollar seit 1999 gewaltig an Wert eingebüßt. Damals lag er bei 250 Dollar je Feinunze. Heute liegen wir bei knapp 1 100.
- Was passiert, wenn die laufenden Konjunkturprogramme in den kommenden Monaten an Wirkung verlieren? Werden in Amerika und Europa neue Anschubpakete kommen, und wird noch mehr Geld gedruckt? Ich nehme an, dass auf der ganzen Welt die Regierungen weiterhin Defizite finanzieren werden und dass die Staatsschulden noch sehr stark weiter ansteigen werden. Die Wirtschaft hat sich zwar weltweit stabilisiert, aber ein großes Wachstum ist nicht vorhanden. Meiner Ansicht nach wird sich die Konjunktur wieder stärker abschwächen, sobald die Wirkung der Stabilisierungspakete abnimmt. Dann werden weitere Stimulierungspakete kommen. Das halte ich natürlich für einen Fehler, aber so wird das sein. Die Regierungen sind ein Staat innerhalb des Staates, sie wollen ihre Macht ausdehnen. Und sie profitieren von den Haushaltsdefiziten, indem mit den Defiziten mehr Geld durch ihre Hände fließt.
- Wo können denn Anleger in den nächsten zwölf Monaten investieren, wenn sie ruhig schlafen wollen? Ich würde sagen, in der jetzigen Lage sollten die Anleger nicht ruhig schlafen. Sie werden große Volatilitäten erleben. Es ist doch so: Wenn wir perfekte Märkte haben, in denen kein einzelner Teilnehmer einen überwiegenden Einfluss hat, - was nicht der Fall ist, wenn Regierungen massiv einschreiten - dann wird eine Prognose unmöglich. Ich weiß nicht, wie viel Geld die US-Notenbank noch drucken wird. Aber ich bin sicher: Ben Bernanke wird noch sehr viel Geld drucken. Und deswegen glaube ich, dass langfristig - da will ich mich nicht auf ein Jahr festlegen - der Dollar weiter fallen wird und dass langlaufende Staatsanleihen der USA völlig unattraktiv sind und im Wert fallen werden, und zwar ziemlich stark. Deswegen wird sich das Geld eher in Richtung sogenannter Vermögenswerte wie Rohstoffe und zum Teil auch Immobilien bewegen. Wir haben ja schon wieder Rekordpreise für Immobilien in Hongkong. Natürlich geht Geld in diesem Umfeld auch in Aktien, denn eine Aktie ist ein Anteil an einer Gesellschaft. Und wenn Geld gedruckt wird, steigt der Wiederbeschaffungswert eines Unternehmensanteils mit der Zeit.
- Würden Sie derzeit in den USA Aktien oder Immobilien kaufen? Wenn die USA eine schwache Währung haben, kommt nach einer gewissen Zeit der Punkt, wo die Börsen relativ unterbewertet sind. Ich würde sagen: An den Weltbörsen war dieser Zeitpunkt wahrscheinlich im Februar, März dieses Jahres. In Asien fiel Japan auf ein 30-jähriges Tief. In Südkorea und Taiwan war es ein 20-Jahres-Tief. Das waren langfristige Tiefpunkte. Und ich glaube kaum, dass wir diese Tiefpunkte wieder aufsuchen werden.
- Gilt das auch für die US-Börsen? Ich sehe den S & P 500 nicht unter 660 Punkte fallen. Denn wenn der S & P fallen sollte, so in Richtung 900 oder 800, dann wird Herr Bernanke wieder Geld drucken wie verrückt. Die Wirtschaftspolitik der Amerikaner ist ja ganz klar nicht darauf ausgerichtet, einen starken Dollar zu haben. Man liest ständig in den Zeitungen, dass es für Amerika gut sei, einen schwachen Dollar zu haben, was ich gar nicht unterschreibe. Aber das ist die Meinung der Ökonomen in den USA. Die Amerikaner scheren sich eigentlich nicht um den Wert des Dollar, zurzeit jedenfalls. Eines Tages werden sie sich darum kümmern. Denn die Importpreise werden sehr stark steigen. Und die Öl- und Rohstoffpreise sind in Dollar ausgedrückt wesentlich stärker gestiegen als in Euro oder in Schweizer Franken gerechnet.
- Eine Ihrer wichtigsten Empfehlungen in diesem Jahr waren asiatische Aktien. Bleibt es dabei mit Blick auf 2010? Die asiatischen Aktien waren ja unwahrscheinlich niedrig bewertet bis April 2009. Jetzt sind sie nicht sehr teuer, aber sie sind auch nicht mehr sehr billig.
- Welche Anlageempfehlungen würden Sie konkret geben? Ich würde vorschlagen, zu diversifizieren und nicht allzu negativ gegenüber Aktien eingestellt zu sein. Denn sobald die Aktien fallen werden, werden die Zentralbanken wieder Geld drucken. Ich würde unbedingt jedem Anleger empfehlen, etwas Gold zu halten. Ob er es jetzt heute kauft oder in drei Monaten, ist nicht so entscheidend. Ich würde empfehlen, jeden Monat ein wenig physisches Gold zu kaufen und es in einen Tresor zu legen. Außerdem würde ich empfehlen, Immobilien in Betracht zu ziehen. Der Immobilienmarkt ist sehr fragmentiert, da gibt es ganz unterschiedliche Einzelmärkte. In Inflationszeiten sind Immobilien natürlich nicht perfekt, aber sie erhalten ihren Wert weitgehend. Wenn die Inflationsraten jedoch gewaltig ansteigen, dann kommen irgendwann Mietzinskontrollen. Dann haben Sie natürlich einen Rentabilitätsverlust, und das ist ein Problem. Aber ein gewisser Aktienbestand, etwas Immobilien, vielleicht ein landwirtschaftlicher Betrieb, weil die Agrarpreise eher steigen werden. Der Weizenpreis ist zurzeit - in realen Größen - auf einem 200-Jahres-Tief. Und ich würde auch etwas Minenaktien kaufen, von Gold- und anderen Rohstoffproduzenten.
- Verzeihen Sie den erneuten Schwenk zur Politik: Wie haben sich europäische Regierungen und Notenbanken in der laufenden Krise im Vergleich zu den USA geschlagen? Waren die Europäer in der Bewältigung der Krise klüger, mutiger und umsichtiger? Also, ich finde, die deutsche Regierung hat eigentlich am besten abgeschnitten. Frau Merkel ist ziemlich hart gegenüber den Geschäftsleuten geblieben. Und sie hat eigentlich am wenigsten unternommen. Ich bewundere sie dafür, denn sie wurde ja auch dafür angegriffen. Ihre Politik hat meine größte Achtung. ---- Das Interview führte Markus Gärtner.
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